Ein "Camping-UL"

Kitflugzeuge, gebaut aus einem Bausatz oder Materialsatz
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matte@plandienst.de
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Ein "Camping-UL"

Beitrag von matte@plandienst.de »

Liebes Tagebuch!
Angeblich fangen die meisten Tagebücher mit obigem Eintrag an, warum also nicht auch ein Bau-Tagebuch für ein Flugzeug?
Wobei ich das mit dem "Tage"-Buch weniger eng sehe und meine Eintragungen daher erfolgen, wenn Zeit, Muße, Werkstatt oder Schneeschippen es zulassen.

Prolog
Irgendwann mußte doch auch mal der Tag kommen, an dem er Teile an seinem künftigen Liebling anbringen, drankleben oder dranschrauben könnte.
Bis heute hatte sich die Gelegenheit allerdings nicht ergeben, zuviele Kleinigkeiten waren in der Vergangenheit zu weit Größerem ausgeartet, was weiteres Abreißen bereits vom Lieferanten zusammengefügter Teile mit sich brachte. Entsprechend divergierten Wunsch und Wirklichkeit beim Thema Endmontage immer weiter auseinander und der Berg der Einzelteile wuchs, während die Gesamtmasse bereits final gefügter Brocken stetig schwand.
Glücklicherweise versüßten des Abends bunt bebilderte Reiseberichte die säuerlichen Stunden der Demontage am Vormittag, weshalb er sich auch nie vom eingeschlagenen Routing abdrängen ließ. Zumindest nicht auf Dauer.

Bestellt wie erhofft

Nach längeren Recherchen hatte ich einen Bausatz gefunden, der alle Hoffnungen erfüllen sollte: robustes Spornrad-Muster mit nebeneinanderliegenden Sitzen und zusätzlich nicht nur Stauraum, sondern auch genug Reserven für Schwereres im Kofferraum. Dazu Klapp-Tragflächen, die im zusammengeklappten Zustand einen StVO-konformen Transport auf einem Hänger zuließen (ohne Begleitfahrzeuge vorzuhalten) und die heimatliche Unterbringung des Luftfahrzeugs ermöglichen.
Das ganze in klassische Gemischt-Bauweise, vorne dran irgendwas zwischen 80 und 300 PS, und ein vom Hersteller verlinktes sehr lebendiges Forum und nicht zu vergessen: richtige Landeklappen, keine Flaperons, damits steiler bergab gehen kann.
Mamma, ich will dasda!

Lieferung wie befürchtet
Nach Rücksprache mit wem-auch-immer und wer-sonst-noch konnte ich dann eines schönen Wintertags dem servilen Bankangestellten erklären, daß reichlich Euros in reichlilch Doller verwandelt auf eine Bank jenseits des Atlantiks transferiert werden müßten - nur zur Steigerung meines persönlichen Lustgewinns. Selbigem Wunsch kam der Herr auch prompt nach, weshalb ich einen Tag später eine Bestellbestätigung erhielt, auf der all das aufgeführt war, was ich in der Options-Liste des BAusatz-Herstellers angekreuzt hatte.
Angekreuzt hatte ich die Höherlegung des Fahrwerks, das Installieren einer stabileren Aufnahme für die Spornradschwinge und, weil vom Lieferanten "strictly recommended", die quick-build-option für fertig verklebte und am Rumpf ausgerichteter Flächen.
Außerdem hatte ich durch eifriges Studieren der Forums-Beiträge Abstand genommen von Rädern zweifelhafter amerikanischer Qualität, sämtlichen Alu-Beplankungsblechen (igitt, Alublech auf Holzrippen nieten - uaaarghn!) sowie den fancy bestickten Polster-Schaumklötzen.
Geliefert wurde dann für ein paar weitere harte Dollar (der Umrechnungskurs stand damals nicht so schlecht, wirklich weich wurden die Dollar leider nie) ein schmuckes Stahlgerüst mit transluzentem Folien-Überzieher, der der gesamten Fuhre das Aussehen eines edlen Ausstellungsstücks in einer Vitrine gab. Darin sämtliche georderten Bauteile sehr ordentlich verpackt und bar jeglicher Transport-Schrammen.
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von Admin »

Klingt nach nem tollen Start!

Sag mal haben die da einen Stahl-Gitterkasten um die Sendung herumgeschweißt?
Ist wohl mehr Stahl als das was man für das Flugzeug braucht... ;-)
Viele Grüße, Tim.
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von matte@plandienst.de »

Stimmt, mehr Vierkant außendrum als innendrin. Dazu dann Grobspanplatte (aka OSB) mit fiesen selbstschneidenden Schräubchen, die nur durch Flex-Einsatz entfernt werden konnten.
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Das Thema heute: Toleranz

Beitrag von matte@plandienst.de »

Liebes Tagebuch!
Heute schreibe ich Dir zum Thema Toleranz:

Darfs ein bischen mehr sein?
Die schmucke Schatulle aus Übersee mußte noch ein paar Tage vor der Tür der Werkstatt verweilen, da selbige durch zwei andere Projekt voll belegt war. Nachdem Traktor und Treppe die Werkstatt nicht mehr belegten konnte "the Kit" aus der Kiste geholt werden und durfte ins Bastel-Gemäuer einziehen.
Dort angekommen konnte ich zu meiner Freude feststellen, daß nicht nur alles geliefert worden war, was ich bestellt hatte, sondern auch ein Satz Reifen dabei war, der mit Sicherheit für´s Hoppeln über Asphalt zu gebrauchen sein könnte, nicht aber für den geplanten off-road-Einsatz auf ungemähtem Grün. Ansonsten stimmten die gelieferten Schräubchen und Nieten aufs Gramm genau mit dem Lieferschein überein und waren übersichtlich beschriftet, was die Zuordnung vereinfachte.

Weniger ist manchmal mehr
Bei der Eingangs-Inspektion konnte der Rumpf mit grauem Pulverlack und etwas ruppigen Schweißnähten noch überzeugen, die Verarbeitung der quick-build-wings sowie der Landeklappen und Querruder konnte dagegen maximal als "ambitioniert" eingestuft werden. Graue Hysol-Schlonze, in die Ecken geschmiert wie Sanitär-Silikon, sollte die Sperrholzrippchen auf den Alorohrholmen fixieren. Die großzügige Applikation des steinharten Epoxyd-Gemisches dürfte der Fa. Loctite als Hesteller des Haftmittels Tränen der Rührung und der Freude bereitet haben: Freude ob des immensen Verbrauchs, Rührung ob der Nichtbeachtung der technischen Anwender-Lektüren.
Jedenfalls lösten sich sämtliche Rippen spätestens beim Dranklopfen vom Alurohr. Vielleicht taten sie das aber auch nur, um endlich einen einheitlichen Rippenabstand und einen rechten Winkel zum Holm einnehmen zu können?

Rippenverklebung.jpg
Rippenverklebung.jpg (81.88 KiB) 2960 mal betrachtet

Tolle Toleranzen
Um sich die Freude durch das bischen Rippen-Wanderung nicht nehmen zu lassen und schon mal von baldigem Abheben träumen zu können montierte ich die fertig justierten Flächen am Rumpfgerüst, welches natürlich zuvor durch Kran und Unterstellböcke in Fluglage gebracht worden war.
Probesitzen, Gattin und Kinder zum Jubeln beordern und Bbbbrum-Geräusche absondern ließen den schlechten Haftverbund als Petitesse erscheinen, bis der Blick über die Tragflächen hinweg und zeitgleich aufs Flügel-Gestrebe fiel. Obwohl die Gelenkköpfe an den Streben-Enden nur knapp aufs Gewinde geschraubt waren zeigten die Flächen eine erstaunlich V-formlose Haltung gegenüber ihrem Herrn und Gebieter. Als eifriger Leser sämtlicher Bauunterlagen schien das mir denn doch zu wenig, was ein kurzer Blick ins Manual bestätigte. Beide Flächen sollen in harmonischer Weise leicht gen Himmel ragen, gleichzeitig aber auch die fünf-achtel-Zoll-Schränkung aufweisen.
Weder strebte das Abgestrebte richtig nach oben (linke Fläche absolut horizontal, rechte Hälfte des Sollwerts) noch zeigte sich eine korrekte Schränkung. Selbst bei fast komplett herausgeschraubtem Gelenkkopf tendierte die Schränkung zur falschen Seite. Grund dafür waren die an den Flächen vormontierten Strebenaufnahmen, deren werksseitigen Referenzbohrungen mehrere Millimeter außerhalb der ebenfalls werksseitig angebrachten Maßlinien lagen. Der Hersteller hatte mir vor dem Bestelllen mitgeteilt, daß das Ausrichten der Flächen für quasi alle Kunden unmöglich sei und strictly recommended einen quick-build-wing mit fertig verklebten und am Rumpf ausgerichteten Flächen zu ordern.
Retrospektiv kann ich behaupten, daß Toleranz in bestimmten Fällen nur eingeschränkt hinnehmbar ist. Und daß das Ansetzen der Flächen wohl wirklich nicht jedermanns Sache ist.
Zuletzt geändert von matte@plandienst.de am 07 Feb 2021, 15:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von Admin »

Wow - was wirft ja tatsächlich ein recht dunkles Licht, wenn nicht sogar hässliche Finsternis auf die Qualität der Vorfertigung des Bausatzes. Hoffentlich zieht sich das nicht durch die gesamte Struktur.
Viele Grüße, Tim.
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von matte@plandienst.de »

zum Glück kann man ja alles neu aufbauen, allerdings hätte man sich die Dollars fürs zusammenpappen gespart und auch die Zeit fürs Auseinanderklopfen.
Da die Qualität aller weiteren Bauphasen an des Erbauers Geschick hängen seh ich die Zukunft ganz rosig :D .Und Schrauben, Nieten, Beschläge im Kit sind von AicraftSpruce. Da ist wohl nix dran gammelig.

Im Wings-Forum gab´s auch Anfragen zur richtigen Justierung der Flächen, scheint also an des Herstellers Helling zu hapern.
Und manch einer kann ja damit leben, daß die Rippen schon auf den ersten Blick leicht schief stehen. Meins is es aber nicht so.
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Viel hilft nicht viel

Beitrag von matte@plandienst.de »

Liebes Tagebuch!
Heute kümmern wir uns um ein paar Gramm.

Wie schon der Vater hat´s gesagt
Schon in der Blüte meiner Jugend versicherte mir mein Sozialisationsagent, daß die pfundweise Applikation von Nägeln, Schrauben oder Leim nicht zur Stabilität einer Verbindung beiträgt, diese vielmehr von der Konstruktion und Ausgestaltung der Fügung abhängt. Außerdem erklärte mir mein seeliger Senior, daß Drüberschmieren weiteren Haftmittels keine Verbesserung der Verbindung mit sich bringt und nur der Rück- und Neuaufbau der Fuge wahre Freude bereiten kann. Und da ich schon als Zögling stets den Worten des Vaters glaubte kann ich icht umhin, das Quick-build-Geflügel zu zerteilen und aus Ruinen auferstehen zu lassen.

Ohne Nachschlag
Nicht alle Rippen wollten sich völlig gewaltfrei vom Holm lösen, aber nach einem wönziglich kleinen Stupser mit dem Kunststoff-Hämmerchen glitten auch die störrischsten Frästeile vom Rohr.
Die verharzten Gräten wurden sodann vom Hysole befreit, allseitig geschliffen und alle innenliegenden Kanten gefast. Mit gelber anilinfreier Pampe veredelt wanderten die Rippchen dann auf die Waage, um den Erfolg der Diät zu bestimmen: um rund 40Gramm und die häßliche Santitärfuge erleichtert wiegen jetzt beide Flächen zusammen rund 620 Gramm weniger.

Rippchen  mit und ohne Marinade
Rippchen mit und ohne Marinade
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von Admin »

Hat das Rippensperrholz eigentlich auch +/- 45° Lagen drin oder nur 0°/90°?
Viele Grüße, Tim.
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von matte@plandienst.de »

Bei diesen Rippen ist ein 4,0mm/8-schichtiges Material mit zwei paralleleln Mittellagen verarbeitet worden. Die Deckfurniere liegen in Längsrichtung/horizontal. Damit laufen die Fasern in den Fachwerkstreben zwar +/- 45°, durch den symetrischen Aufbau haben die Sperrhölzer aber in Quer- und Längsrichtung die selben Festigkeiten und alle Streben können bei gleichem Querschnitt gleichhoch belastet werden.

Die Herstellung von Flugzeugbau-Sperrhölzern mit 45°-Lagen ist zwar machbar (wenn auch "etwas" teurer), allerdings reduziert sich die Plattengröße bei solchen Platten auf 1130 x 1130, da maximal 1,6 m lange Rundhölzer geschält werden können und eine Bedingung des Germanischen Lloyd besagt, daß Furniere nicht gestückelt werden dürfen.
Dateianhänge
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Re: Ein "Camping-UL"

Beitrag von Admin »

Alles klar.
Für die Steg-Streben wäre es sicher besser +/-45° zu haben, aber die Gurte oben und unten brauchen natürlich 0°. In den Gurten der Rippe sind am Ende die höheren Lasten.
Sehr aufschlussreich, danke!!
Viele Grüße, Tim.
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